Biografie
Über das kürzere, im Osten gelegene Ende der Sonnenallee gab es mal einen Kinofilm. Über das längere, das in Neukölln verläuft, zwar noch nicht, doch im Fernsehen war auch diese Gegend schon oft. Das liegt vor allem daran, dass sie eine hervorragende Kulisse für Rapper abgibt, die sich gerne als „hart“ und „Ghetto“ inszenieren möchten. Genau hier, just in jener so telegenen Highdeck-Siedlung, ist Keyza Soze aufgewachsen. Trotzdem (oder gerade deshalb) hat er es sich nicht zum Ziel gemacht, besonders hart oder Ghetto zu wirken. „Jeder, der in Neukölln aufwächst oder lebt, wird früher oder später in irgendwelche Hustle-Geschichten involviert. Das lässt sich kaum vermeiden“, meint er achselzuckend.
Richtig wichtig ist ihm aber lange Zeit vor allem eines: Fußball. Sein großer Traum ist es, eines Tages Nationalspieler zu werden. Mit 17 Jahren stoppt jedoch ein Beinbruch seine professionelle Laufbahn. In der Folge wendet er sich mehr und mehr der Musik zu. Nicht, dass es die nicht schon davor in seinem Leben gegeben hätte, im Gegenteil. Zwar scheitern die Versuche seiner Eltern, ihn zum Klavierspielen zu animieren, an seiner Unlust, Noten zu lernen. Sein Bruder jedoch ist ein begeisterter Sammler von 7“-Platten und hört alles querbeet. Keyza wird also schon in jungen Jahren mit einem recht breiten Spektrum an Musik konfrontiert. Nicht zu unterschätzen ist dabei sein Standortvorteil: Während anderswo noch Ace of Base angesagt sind, pumpt man in seiner Gegend schon früh bevorzugt HipHop-Beats. „Musik hat mich interessiert und beeinflusst, seitdem ich ein kleines Kind war. Dabei war ich nie nur auf eine bestimmte Richtung fixiert. Hauptsache, es war gut.“
1996 nimmt Keyza Soze seine ersten Rap-Mixtapes auf, wobei „Mixtapes“ vielleicht ein wenig übertrieben ist. Mit zwei CD-Playern und einem Mixer mischt er einfach seine Lieblingstracks. Dabei beweist er auch nach der Meinung seiner Homeys aus der Nachbarschaft Geschmack bei der Auswahl, die Nachfrage steigt. Doch die Musik von anderen auszuwählen, zu mischen und weiterzuverbreiten ist zwar schön, noch schöner ist es aber, eigene Musik zu machen.
Computer haben Keyza Soze auch schon immer interessiert und dank seines Vaters hatte er schon sehr früh regelmäßigen Umgang mit Rechnern. Schließlich kauft er sich eine Soundkarte und fängt an, zu tüfteln. Zunächst schaut er des Öfteren seinem Kumpel Case über die Schulter, der damals schon seit längerem Musik produzierte. Dabei stellt er fest, dass Samples gar nicht sein Ding sind. Das ist bis heute so. „Lieber spiele ich selbst etwas ein, meine eigene Melodie mit meiner eigenen Note.“
Doch dafür braucht man bekanntlich Synthesizer. Was für ein glücklicher Zufall also, dass just solche anscheinend plötzlich vom Lastwagen fallen und seinen musikalischen Handlungsspielraum entscheidend erweitern. Ab 1999 macht Keyza Soze dann eigene Beats. Nur mit Vocals, die darauf passen könnten, sieht es erst mal nicht so gut aus. Zeit oder Lust einem Rapper hinterherzulaufen hat er nämlich keine. „Ich würde sowieso nichts mit jemandem machen, den ich nicht kenne. Musik ist etwas Persönliches für mich.“
Ein Meilenstein in dieser Hinsicht ist seine Begegnung mit Jack Orsen von MOR, die neue, ungeahnte Möglichkeiten eröffnet. Über Orsen lernt er wenig später auch die Untergrundlegende Taktlo$$ kennen, dessen Hauptproduzent er mittlerweile geworden ist. Taktlo$$ wiederum macht ihn dann ein paar Jährchen später auch mit amerikanischen Rappern wie etwa Ellay Khule alias Rifleman aus L.A. bekannt, für dessen Soloalbum „Califormula“ er die Lead-Single „Who’s Killing HipHop?“ produziert – worauf er mit einigem Recht heute noch stolz ist.
Nun, nach sieben Jahren und zahlreichen Produktionen für Künstler aus der ganzen Rap-Welt hält Keyza Soze die Zeit reif für sein erstes eigenes Produzenten-Album, das den eher wenig bescheidenen Titel „Der Komponist“ trägt. Klingt etwas großspurig – ist es aber nicht. Eher ein wenig selbstironisch spielt Keyza damit auf die Tatsache an, dass er bei seiner Gewerbe-Anmeldung als Selbstständiger unter Berufsbezeichnung „Komponist“ eintragen musste.
Was die musikalische Ausrichtung angeht, besteht kein Zweifel: „Partymucke gibt es bei mir nicht. Entweder ist meine Musik traurig – oder Gangster.“ Mit einem Wort: Hustlinstrumentals.
aus dem Jahr 2007 von Oliver Marquart



